Engage 2025 Nachlese

18. Juni 2025 — von Christian Buchacher

Die Engage 2025 in Den Haag war meine vierte Engage in Folge. Der Veranstaltungsort im Konferenzzentrum New Babylon gleich neben dem Hauptbahnhof war durchaus passend, wenn auch nicht so herausragend, wie einige der vorangegangenen, etwa die Handelsbörse in Antwerpen. Dafür war der Veranstaltungsort für das Engage-Dinner spekatkulär – eine aufgelassene gotische Kirche!

Es kamen diese Jahr etwas weniger Teilnehmer als letztes, dafür waren viele neue und vor allem junge Gesichter dabei – was mich besonders gefreut hat!

Das in den vergangenen Engage-Beiträgen immer an dieser Stelle präsentierte Bild von den Ambassadors kann ich diesmal nicht bieten – nicht, weil ich kein Ambassador mehr bin, sondern weil ich die Aufnahme verpasst habe. Schade.

Wie auch in den vergangenen Jahren, gab es auch diesmal wieder ein großartiges Angebot an über 60 Vorträgen, Round Tables und Workshops. Die großen Themen der diesjährigen Engage waren neben der Vorschau auf Notes & Domino 14.5 vor allem das mit Version 14.5 eingeführte Domino IQ sowie ein neues Angebot der HCL namens Soverign Cloud. Und dann gab es noch einige Überraschungen, wie die Ankündigung eines neuen Notes Clients (»Notes Next«) und einer neunen Plattform namens »Lotus Workspace«.

Domino 14.5

Version 14.5 war während der Engage noch Zukunftsmusik, steht mittlerweile aber im My HCLSoftwarePortal zum Herunterladen bereit.

In der Notes/Domino Fixlist Datenbank sind derzeit 494 neue Features und Fixes verzeichnet. Damit enthält Version 14.5 mehr Änderungen als Version 14.0 (mit »nur« 369 Features & Fixes). Eine Besprechung aller Neuerungen in Version 14.5 finden Sie HIER.

Einige der Key Features in Domino 14.5 sind:

Domino IQ

Domino IQ, also die Implementierung von KI in den Domino-Server, stieß auf besonders großes Interesse. Die Besonderheit dabei ist, dass Sie das Sprachmodell (Large Languge Model, LLM) auch lokal aus dem Domino-Dateinverzeichnis laden können. Die Daten werden dann nur von Ihrem Domino-Server verarbeitet und nicht nach extern weitergegeben. Domino IQ bietet Erweiterungen in LotusScript, Java sowie in Rest-API, die es Entwicklern ermöglichen, KI-Funktionen in eigene Anwendungen zu integrieren. Domino IQ mit einem lokalem LM benötigt allerdings als zusätzliche Hardware eine leistungsfähige NVIDIA-GPU.

Anwendungsfälle für KI gäbe es viele – vor allem für Entwickler. Die HCL liefert in der Mailschablone immerhin zwei fertige Beispiele aus: Auf Wunsch generiert die KI eine Antwort oder erstellt eine Zusammenfassung eines langen Mail-Threads. Ich sehe das als vorsichtigen Anfang und erwarte in den nächsten Versionen zahlreiche weitere KI-Funktionen »out of the box«. Und wenn Sie darauf nicht warten wollen, können Sie die KI ja mittels Code jetzt schon in Ihre eigenen Anwendungen integrieren.

Natürlich gab es zu diesem Thema mehrere Vorträge, Folien finden sich aber nur zu diesem: »Transforming Domino Applications with LLMs: DominoIQ and Beyond«.

Hinweis in eigener Sache: Mein neunes Domino 14.5-Admin-Buch behandelt das Thema Domino IQ natürlich ausführlich! Sie können das Buch HIER auch direkt bei Amazon kaufen.

Enhanced Security

Es gibt zahlreiche neue Sicherheitsfeatures, mit denen ich mich im Detail noch auseinandersetzen muss. So fungiert Domino 14.5 jetzt auch als OIDC-Provider! Auch die Erweiterungen im Bereich Passkey klingen interessant, so kann die Authentifizierung mittels Passkey jetzt erzwungen werden.

Domino Auto Update

In Version 14.5 steht unter Windows und Linux jetzt endlich auch die automatische Installation (Auto Install) des Servers zur Verfügung. Damit hat die HCL das mit Domino 14 eingeführte Auto Update in 14.5 fertiggestellt. Daniel Nashed hat in seinem Vortrag alle Möglichkeiten kurz und knackig zusammengefasst.

Domino License Dashboard

Sie können die neue Datenbank Domino License Administration, kurz DLA (dominodla.nsf) auf dem Adminserver der Domäne verwenden, um eine Übersicht (ein Dashboard) aller Benutzer mit ihren Lizenztypen anzuzeigen.

Weitere interessante Features

  • DAOS Erweiterungen und ein neues DAOSTune
  • DirSync Erweiterungen
  • Domain Catalog: Sortierbar nach ODS-Version
  • Upgrade der Java JVM auf Java 21 LTS (Long-Term Support)
  • Mandated NRPC Port Encryption
  • Neue Kommandozeilenbefehle für DBMT und Compact
  • OnTime-Update auf 11.7.0-rc.16
  • Update des panagenda MarvelClients
  • Der bewährte iNotes Webaccess steht in Domino 14.5 nicht mehr zur Verfügung. Stattdessen ist jetzt zwingend Verse zu verwenden.

Notes 14.5

Der Notes-Client hat sich zwar kaum verändert, bietet aber eine interessante Neuerung für Entwickler oder Poweruser mit vielen Datenbanksymbolen im Arbeitsbereich: Sie können nun endlich nach Anwendungen suchen! Das ist für mich ein echter Hit!

Mit Notes 14.5 kann man den Notes Client auch wieder im Basic Mode ausführen und das natürlich in 64-Bit. Dazu muss man das Programm notes.exe mit dem Zusatz “-sa” starten.

Designer 14.5

Wie auch schon in den vergangenen Releases finden sich im Designer keine nennenswerten Neuerungen. Zu erwähnen ist bloß, dass neue LotusScript-Klassen für Domino IQ eingeführt wurden. Was man damit genau machen kann, weiß ich noch nicht.

Domino Next

Der Ausblick auf die nächste(n) Version(en) in der Roadmap war etwas dürftig. So soll nächstes Jahr ein Update mit unbekanntem Namen erscheinen. Es soll unter anderem folgene Features enthalten:

  • TLS 1.3 und HTTP/2
  • Leichtere Implementierung von DMARC und DKIM
  • Mehr KI

Einzelne Features (im Gespräch waren TLS 1.3 und HTTP/2) werden laut Thomas Hampel aber vielleicht auch schon mit dem nächsten Fixpack ausgerollt.

Notes Next

Die HCL kündigte einen neuen Notes-Client mit dem Projektnamen »Notes Next« an. Für viele war das eine Sensation, ist die Modernisierung des Clients doch seit Jahren überfällig – siehe diese Idee auf AHA mit über 900 Likes …

Leider gab es nur eine einzige Folie dazu, also nicht mehr als einen Teaser. Angeblich lud die HCL einige Teilnehmer zu einer Präsentation hinter verschlossenen Türen ein, in der ihnen der Produktmanager Tim Clark weitere Details zeigte. Ich war nicht dabei, habe aber gehört, dass es dabei sehr streng zugegangen sein soll, man musste sogar die Handys vorher abgeben.

Was ich mir bisher zusammengereimt habe:

Ein besser gestalteter, leichtgewichtiger Notes-Client befindet sich (möglicherweise) bereits in Entwicklung, höchstwahrscheinlich auf Basis von Web-Technologien. Dieser Client soll voll rückwärtskompatibel sein und in Zusammenarbeit mit ausgewählten Kunden erstellt werden.

Über diese Ankündigug freue ich mich besonders, war mein Eindruck doch bisher, dass die HCL nicht mehr in den Notes-Client zu investieren will. Stattdessen plante man, ihn durch eine Kombination aus Verse (für Mail) und Nomad Web (für die klassischen, die sogen. “legacy” Applikationen) abzulösen. Diese Strategie war aus meiner Sicht falsch, da die Anwender Notes und Domino rein nach dem Client beurteilen, da kann der Server dahinter noch so gut sein …

Und selbst wenn ich ein wenig skeptisch bleibe, denn die HCL hat schon mehrmals einen neuen Client angekündigt, scheinen sie es diesmal erst zu meinen, denn mittlerweile haben sie sogar den Status der Idee in AHA auf »Planning to Implement« gesetzt. (Nach 7 Jahren!) Bleibt die Frage, wie lange es dauert, bis der neue Client verfügar ist.

Rückkehr des Lotus-Brands?

Und dann wurde noch ein neuer Client namens »Lotus Workspace« angekündigt. Ja, sie haben richtig gelesen, es sieht so aus, als würde der Name »Lotus« zurückkehren – zumindest für ein Produkt. Oder auch nicht. Denn während Richard Jeffs den neunen Workspace in seiner Eröffnungsrede genauso nannte, deuteten einige HCL-Mitarbeiter an, dass der Name intern noch diskutiert würde.

Und was bringt Lotus Workspace? Die HCL verspricht damit Secure Teamwork und Sovereign Collaboration, natürlich inklusive (lokaler) IQ. Das heißt, hinter Lotus Workspace steckt ein eigener Cloud-Service – eine Sovereign Cloud. Was die HCL darunter versteht, können Sie in DIESEM Vortrag nachlesen. Was die zur Verfügung gestellten Tools anbelangt, bleibt die Sache dennoch ein wenig vage, aber neben den Fähigkeiten von Notes (Next?) und Domino, soll auch Office-Funktionalität (LibreOffice?) bereitgestellt werden.

Sametime und Connections

Ich freue mich, dass es diese beiden Produkte noch gibt, denn von der HCL hörte man in letzter Zeit nicht viel darüber. Auf der Engage gab es dennoch einen interessanten Vortrag über Sametime: »Mastering HCL Sametime Administration«.

Sametime V12.0.3 (mittlerweile veröffentlicht) enthält folgende neue Funktionen:

  • Besprechungstranskripte
  • Mobile Chatsuche
  • Lesebestätigungen
  • Chats ohne Container

Auch Connections V8 CR 10 ist bereits verfügbar:

  • UI-Verbesserungen
  • API-Modernisierung
  • Neues Engagement Center

Mehr Details finden sich in der HCL Connections Roadmap.

Dass Connections nicht weiter verbreitet ist, bedauere ich, denn dabei handelt es sich um ein geniales Produkt, von deren Einsatz jedes (größere) Unternehmen profitieren würde:

  • Ein soziales Intranet mit einem Newsfeed
  • Communities (als Ersatz für SharePoint-Sites)
  • Foren
  • Wikis
  • Integration mit Office-Produkten (ich hoffe wirklich, dass sie diese auch auf Libre Office ausweiten werden)
  • Dateifreigabe mit Versionskontrolle

Nomad & Verse

Der Vollständigkeit halber möchte ich erwähnen, dass auch Roadmaps für Nomad und Verse vorgelegt wurden. Für diese beiden strategischen Produkte liefert die HCL jedes Quartal ein neues Update. Über den Einsatz von Nomad gab es auch den interessanten Vortrag: »Simplify Your Development and Take Your Apps Everywhere with Nomad«.

Gerüchte

Lust auf ein wenig Tratsch? Ich habe auf der Engage mit vielen Menschen gesprochen und viele interessante Gerüchte (Oder die Wahrheit?) erfahren. Hier ein paar davon:

Analysten sollen der HCL bald nach dem Kauf von IBM Domino vorausgesagt haben, dass jede weitere Investition eine reine Geldverschwendung sei. Und für viele Jahre sei der Status von Domino bei der HCL auch unklar gewesen. Erst mit der Ankündigung von Domino IQ letztes Jahr soll sich das Blatt grundlegend gewendet haben. Insider sprechen bereits vom »miraculous return of Domino«.

Ein weiterer Grund ist angeblich, dass Notes und Domino in afrikanischen Ländern so erfolgreich ist. Und das interessanterweise nicht aus technischen, sondern aus politischen Gründen, nämlich aufgrund der Tatsache, dass die HCL ein indisches Unternehmen ist. Denn Länder, die unter dem Kolonialismus litten, kaufen angeblich nicht so gern bei westlichen Herstellern.

Viele europäische Länder sollen nach den jüngsten Ereignissen (Internationaler Strafgerichtshofs u. a.) beschlossen haben, von den Software-Lösungen US-amerikanischer Unternehmen Abstand zu nehmen. So wollen viele Behörden in Deutschland in Zukunft zunehmend auf Open-Source-Alternativen setzen. Namen wie OpenExchange und LibreOffice sind gefallen. Das sind für’s erste natürlich nur Lippenbekenntnisse, mal sehen, wie weit das wirklich geht … Auch für die HCL ergeben sich hier Chancen – obwohl sie in Europa eher als US-amerikanisches Unternehmen gesehen wird. Mit dem Angebot der Sovereign Cloud im eigenen Land oder zumindest innerhalb der EU kann sie aber dennoch punkten.

Mein Resümee

Der Besuch der Veranstaltung war wieder ein Vergnügen und ich plane, nächstes Jahr erneut dabei zu sein. Bei der Engage geht es nicht nur um den Erhalt von Informationen aus erster Hand, sondern auch um den direkten Kontakt zu HCL-Mitarbeitern und den Austausch mit der Community.

Zur Weiterentwicklung der Produkte, von denen ich lebe, ist zu sagen, dass der Domino-Server (Hauptthema dieses Blogs) immer besser wird und meine Erwartungen voll erfüllt. Doch leider definieren die Anwender bei meinen Kunden das Produkt Domino über den Notes-Client, den dahinter liegenden Server nehmen sie kaum wahr. Und der Notes-Client wird von vielen Anwendern seit Version 6 als weitestgehend unverändert wahrgenommen und damit das Produkt Notes & Domino zunehmend infrage gestellt. Daher lässt mich vor allem die Ankündigung von Notes Next hoffen. Leider kommt sie reichlich spät.

Aber Notes Next ist längst nicht mehr genug. Meine Kunden fragen mich, warum sie den Domino-Server noch behalten sollen? Viele sind Mail-seitig bereits wegmigriert und pflegen ihre Notes- und Web-Anwendungen nur noch auf Sparflamme. Neue Entwicklungsprojekte gibt es praktisch nicht mehr. Die leistungsfähigen Client-Server-Anwendungen, die man mit Notes & Domino entwickeln kann, funktionieren zwar wie gehabt, es gibt jedoch seit Jahrzehnten keine echten Innovationen mehr. Das gilt noch stärker für die Entwicklung von Webanwendungen mit XPages. Und das ermuntert meine Kunden nicht gerade dazu, weiter in diese Entwicklungsplattformen zu investieren. Und MX (GO) interessiert meine Kunden nicht, das hat ihrer Meinung nach nichts mehr mit Domino zu tun, »da kann man ja gleich zu SharePoint wechseln«, so die viel gehörte Aussage. Meine Hoffnung ist jetzt, dass mit der Einführung eines neuen Clients auch ein neuer Designer mit neuen Möglichkeiten kommt. Und hier erwarte ich mir dann einen massiven Einsatz von KI zur Code-Generierung, wie es andere Plattformen längst bieten.

  • Pantelis Botsas

    Interessant finde ich immer noch, dass selbst erfahrene Enwickler in der Domino-Welt so gut wie gar nicht die Möglichkeit in Betracht ziehen, webbasierte Domino-Anwendungen mit einem Node.JS-Framework zu erstellen – und ich meine hier nicht das abgekündigte AppDev-Pack.
    Das Frontend kann vollständig getrennt (im Lieblingsframework seiner Wahl) entwickelt werden und am Ende in den WebContent-Ordner einer dafür ausgelegten Domino-Datenbank abgelegt werden. Die betreffenden Anwendungen lassen sich mit selbstgestrickten REST-APIs öffnen. Oder man nutzt neuerdings (und auch viel präziser) die mitgelieferte REST-API (aka Project Keep) dafür.

    Die Grundlagen hierzu hat Christian Güdemann (damals WebGate Cosuting AG) vor fast 10 Jahren auf zahlreichen Veranstaltungen gezeigt. Dennoch stelle ich so gut wie immer fest, dass in der Domino-Welt auch die Entwickler einen sehr großen Anteil daran haben, dass die Benutzer die Anwendungen im Notes-Client als altbacken und träge empfinden.

    Vielleicht schafft es HCL den Trend zu drehen. Ich würde es mir sehr wünschen, da ich immer noch überzeugt davon bin, dass der Domino-Server das viel bessere Produkt ist.

    • Dem stimme ich voll und ganz zu!
      Und: Ich als einer dieser erfahrenen Entwickler kann bei meinen Kunden meist nicht so, wie ich gerne wollte. Das liegt häufig daran, dass die Kunden selbst nicht sehr innovationsfreudig sind. Was anderes als klassische Notes Client-Anwendungen sind dann nicht erwünscht. (Und in die wollen wir eigentlich auch nicht mehr so richtig investieren, denn wer weiß, wie lang wir Notes noch behalten …)
      Liebe Grüße

Hinterlasse deinen Kommentar