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Der Experte

Ich bin seit 1992 Notes-Experte. Ich stieg mit Version 2 ein, ein halbes Jahr darauf (im Mai 1993) kam Lotus Notes 3 heraus. Anfangs hielt ich Kurse mit dem Lotus Notes-Server für Windows für Workgroups 3.11, der zehn Benutzer versorgen konnte, was für die übliche Anzahl von sechs bis acht Kursteilnehmern ausreichte. Bei mir im Büro lief der Notes-Server als NLM unter Netware. Heute weiß kaum noch jemand, was das ist, aber es funktionierte toll – und kam mit 8 MB RAM aus.

Unter Notes 4.5 stellte zunächst OS/2 die leistungsfähigste Plattform. Notes-Clients und der mittlerweile in Domino unbenannte Server kommunizierten via NETBIOS oder IPX/SPX, das Protokoll TCP/IP war noch nicht weit verbreitet.
Unter Version 4.x erfolgte auch meine erste Zertifizierung, ich erlangte den Status CLP (Certified Lotus Professional) und CLI (Certified Lotus Instructor). Der Status CLI war damals schwer zu erreichen (und teuer), man musste erst bei der Firma Lotus in München eine Gesichtskontrolle über sich ergehen lassen. Von den vier Bewerbern in meinem Zertifizierungskurs lehnte Lotus zwei ab – so streng ging es damals zu.

Nach dem Erscheinen von R5 im Jahr 1999 wurde Notes zum Renner. Ich stand fast täglich in der Klasse und für viele Kurse gab es Wartelisten. Der Fokus verlagerte sich langsam auf Windows NT und als Netzwerkprotokoll kam zunehmend TCP/IP zum Einsatz.
Nach der Eingliederung der Firma Lotus in die IBM wurden die Zertifizierungsregeln noch einmal verschärft, ich musste beinahe für jeden Kurs, den ich halten wollte, eine Prüfung ablegen. Im Jahr 2008 war ich mit IBM Notes und Domino 8 für jeden Notes-Kurs zertifiziert, den die IBM anbot, sowohl als Administrator als auch als Entwickler. Ich hatte mittlerweile über 1.000 Schulungstage hinter mir.

Mit Version 8.5 ließ das Interesse an Notes und damit das Schulungsgeschäft plötzlich nach und meine Schwerpunkte verschoben sich in Richtung Projekte und Anwendungsentwicklung. Dabei war 8.5 eine tolle Version – hier gab es mehr Änderungen als in 7 und 8 zusammen! Nach der Einführung von ID-Vault, DAOS und XPages fragten wir uns damals alle, wie wir ohne diese Features zuvor hatten arbeiten können …

Ed Brill, der damalige Chef der IBM Collaboration Solutions, bemühte sich redlich, Notes und Domino weiter zu modernisieren, schied aber überraschend aus der Firma IBM aus. Man wollte Domino – so munkelte man damals zumindest – »wegen interner Konkurrenz« keine bahnbrechenden Neuerungen gönnen. Wer kauft denn noch Websphere oder Connections, wenn der Domino-Server schon alles kann?

Nach Eds Abgang im Jahr 2013 wurde aus Lotus Notes 8.5.4 plötzlich IBM Notes 9. (Dieses Release geriet mit rund 1.300 Korrekturen und Neuerungen etwas schmalbrüstig – die Wartungsupdates 8.5.1 bis 8.5.3 allein hatten zuvor fast 4.500 Änderungen enthalten!) Kurz danach entschied die IBM, gar keine neuen Versionen mehr auszuliefern, sondern nur noch so genannte »Feature Packs«, die neben Korrekturen auch einige Neuerungen enthielten. Man konnte das durchaus als gelungene Produktpflege bezeichnen, zwischen 9.0 und 9.0.1 FP10 liegen rund 3.000 Änderungen, darunter auch sehr interessante. Die Kunden sahen das jedoch anders und fühlten sich in Ermangelung neuer Versionen zunehmend verunsichert. In dieser mehrere Jahre andauernden Sauregurkenzeit migrierten viele Firmen zu anderen Herstellern, und diejenigen, die bei Notes blieben, betrieben es nur noch auf Sparflamme.

Dann kam unerwartet die Firma HCL ins Spiel und frischer Wind auf. So mancher Kunde, der bereits laut über eine Migration nachgedacht hatte, blieb bei Notes. Mit der Einführung von Notes und Domino 10 im Jahr 2018 konnte ich erstmals ein paar Punkte auf meiner persönlichen Mängelliste abhaken – das war seit der Einführung von Version 8.5 im Jahr 2008 nicht mehr passiert! Die vielen Neuerungen wirkten sich auch auf die Auftragslage aus: Für mich als Domino-Experte gab es wieder einiges zu tun!

Was mir in Kursen oder bei Kundenbesuchen jedoch oft vorgehalten wurde, war das Fehlen der deutschen Dokumentation. Noch schlimmer, so unglaublich es auch klingen mag, mehr als ein Jahrzehnt lang gab es überhaupt kein aktuelles Domino-Buch auf dem Markt, nicht einmal auf Englisch! Das änderte sich mit der Veröffentlichung meines Buchs über Domino 11 im Mai 2021. Im Oktober 2021, zwei Monate nach dem Erscheinen von Domino 12, lieferte ich eine aktualisierte und erweiterte Auflage für Version 12 nach, diesmal nur noch als Taschenbuch, denn 560 Seiten sind bei Amazon zu dick für ein Hardcover. Im Januar 2022 erschien eine aktualisierte und erweiterte Auflage für Domino 12.0.1, mit 578 Seiten mein bisher umfangreichstes Buch. Derzeit arbeite ich am Buch über Domino 12.0.2 alias "Danube", welches für Q3 2022 erwartet wird.

Mittlerweile hat auch der Hersteller der Software, die Firma HCL, mein Engagement bemerkt, und mir für das Jahr 2022 den Titel »Ambassador« verliehen!